Morphologie: Flexion

Neben der Wortbildungslehre bildet die Lehre der grammatischen Flexionen ein wichtiges morphologisches Teilgebiet. Die Lehre der Wortarten stützt sich zentral auf morphologische Kriterien. Zudem spielen auch syntaktische Charakteristika der betreffenden Wörter eine Rolle.

 Videobeispiel 5 Der Wortarten-Rap (Rapartschule)

 

Die Wortarten Nomen/Substantiv, Adjektiv und Verb sind durch Flektierbarkeit gekennzeichnet. 

Die Formveränderungen des Substantivs umfassen die Flexion nach den Kategorien Numerus (Anzahl), Genus (grammatisches Geschlecht) und Kasus. Sie werden als "Deklination" bezeichnet.

Das Adjektiv flektiert in der Nominalgruppe (Artikel + Adj + Subst) je nach vorangehendem Artikel oder Artikelwort ebenfalls in einer starken, schwachen oder gemischten Deklination, und kennt darüber hinaus die Komparation, eine Veränderung nach Steigerungsformen (Positiv, Komparativ, Superlativ).

Das Verb flektiert nach den Kategorien Person, Numerus, Tempus, Modus (Indikativ/ Konjunktiv) und Genus Verbi (Aktiv/Passiv). Zudem gibt es infinite Verbformen (Infinitiv, Partizip I, Partizip II).

Nicht flektierbar sind die Wortarten Adverb, Konjunktion bzw. Junktion, Präposition und Interjektion.

Die Wortart "Pronomen" ist eine  uneinheitliche Kategorie, die sowohl flektierbare (ich, du, er/sie/es,...) als auch unflektierbare (hier, jetzt) Wörter umfasst. Es handelt sich um eine semantisch begründete Klassifikation (ein Wort, das für ein anderes steht). Karl Bühler bestimmt einen Teil der als Pronomen klassifizierten Wörter als "Zeigwörter" (Deixeis), die einen wechselnden Bezug aufweisen. Ihre Bedeutung kann nur aus der Sprechsituation, d.h. aus ihrer Origo, dem Hier/Jetzt/Ich heraus bestimmt werden. Dies unterscheidet sie von den "Nennwörtern", zu denen die Wortarten Substantiv, Adjektiv und Verb, zudem auch viele Adverbien gerechnet werden können. 

Die funktionale Pragmatik, die an Bühler anknüpft, erfasst Wörter ebenso wie Morpheme mit dem Konzept der "Prozedur" (Ehlich 2007). Neben den nennenden und deiktischen Prozeduren unterscheidet sie operative, expeditive und malende Prozeduren.  Operative Qualität kommt den Junktionen und Präpositionen zu: sie spezifizieren Wissensverhältnisse und geben Anweisungen zur Wissensverarbeitung. Die Interjektionen werden funktional zu den expeditiven Prozeduren gezählt. Sie dienen der Sicherung der Verständigung in der Sprecher-Hörer-Interaktion. Malende Prozeduren zielen auf eine gemeinsame Wertung von Sachverhalten ab. Im Deutschen spielt hier die Intonation und Stimmqualität der Äußerung eine wesentliche Rolle.

Die Humboldtsche Sprachtypologie unterscheidet ausgehend von morphologische Kriterien verschiedene Sprachtypen: den flektierenden Typus (z.B. Deutsch, Griechisch, Latein), den isolierenden Typus (Chinesisch, partiell auch Englisch, den agglutinierender Typus (z.B. Ungarisch, Türkisch, Japanisch), den klassifizierenden Typus (z.B. Bantusprachen Afrikas) und den inkorporierenden Typus (z.B. nordamerikanische Indianersprachen, Grönländisch). 

Flektierende Sprachen haben oft mehrdeutige Morpheme, z.B. Beispiel –en:

  • den bekannten Dichter (sog. „schwache“ Adjektivendung, grammatisch und phonetisch unspezifisch)
  • die Verwandten (Pluralmorphem)
  • Wir gehen jetzt. (1. Ps. Pl.) 
  • gehen (Infinitiv)

Andererseits gibt es für eine Funktion oft mehrere Morpheme, die sie erfüllen. Ein Beispiel ist die Pluralbildung im Deutschen, die verschiedene Verfahren umfasst:

  • Haus, Häuser -  Morphem –er + inneres Morphem –ä-
  • Tante, Tanten - Morphem: -n (auch: -en)
  • Krug, Krüge - Morphem: -e + inneres M. –ü-
  • Wagen, Wagen -  sog. Nullmorphem
  • Baby, Babys -  Morphem –s 

In agglutinierenden Sprachen finden sich solche funktionalen Mehrdeutigkeiten und Mehrfachbesetzungen nicht. Die Morpheme, die an die Wörter "angeklebt" (agglutiniert) werden, haben eine eindeutige Form-Funktions-Beziehung. Isolierende Sprachen sind demgegenüber dadurch gekennzeichnet, dass die Einheiten "Wort" und "Morphem" zusammenfallen. 

Da sich in einer Sprache u.U. auch mehrere dieser Verfahren finden können, versteht man die Humboldtschen Typen heutzutage eher als Ausdrucksprinzipien. Die in einer Sprache vorherrschenden Prinzipien können sich im Laufe ihrer historischen Entwicklung wandeln: Eigenständige Wörter können im Verlauf der Sprachgeschichte beispielsweise agglutiniert und zu einer Flexionsendung abgeschwächt werden, deren Funktion dann erneut von einem eigenständigen Wort übernommen wird (vgl. Szepaniak 2011).

Literatur 

Ehlich, Konrad (2007) Sprache und sprachliches Han­deln, Bd. 1: Pragmatik und Sprachtheorie. Berlin: de Gruyter

Graefen, Gabriele/ Liedke, Martina (20122): Germanistische Sprachwissenschaft. Deutsch als Erst-, Zweit- und Fremdsprache. (Mit CD-Rom). Tübingen: A. Francke/ UTB

Hoffmann, Ludger (2013) Deutsche Grammatik. Berlin: de Gruyter

Hoffmann, Ludger (Hg.) (2007) Handbuch der deutschen Wortarten. Berlin: de Gruyter 

Moravcsik, Edith (2013) Introducing Language Typology. Cambridge: Cambridge University Press

Szczepaniak, Renata (20112) Grammatikalisierung im Deutschen. Eine Einführung. Tübingen: Narr  

 

 

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